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Wem gehören die Modelle, die gerade die Welt umbauen?

Über die zentrale Frage des KI-Zeitalters und warum sie für Unternehmerinnen und Unternehmer die wichtigste ist

Es kursiert ein Bild im Netz, das mich seit Wochen begleitet. Links Sam Altman, der davon spricht, verantwortungsvoll entwickelte KI werde die Menschheit von stumpfer Arbeit befreien und ein Zeitalter unvergleichlicher Kreativität und Fülle einläuten. Rechts Naomi Klein, die zurückgibt: „Ihr habt den gesamten schriftlichen Output der menschlichen Zivilisation verschlungen – ohne Zustimmung, ohne Vergütung, ohne Nennung – um ein System zu bauen, dessen wichtigste kommerzielle Anwendung darin besteht, genau die Menschen arbeitslos zu machen, deren Werk ihr konsumiert habt. Ihr befreit die menschliche Kreativität nicht. Ihr betreibt Raubbau an ihr und verkauft sie mit Aufschlag zurück, während ihr den Diebstahl ‚Trainingsdaten‘ nennt.“

Man kann dieses Zitat als moralische Empörung abtun. Das wäre ein Fehler. Denn unter der ethischen Frage liegt eine ökonomische, und diese hat das Potenzial, in den kommenden zwei Jahren mehr Vermögen zu vernichten und zu verschieben als jede Zinsentscheidung. Wenn du ein Unternehmen führst oder gerade eines aufbaust, solltest du genau hinhören.

Das Geschäftsmodell ruht auf einer einzigen Annahme

Die heutigen Bewertungen der KI-Branche stützen sich auf eine selten ausgesprochene Prämisse: dass Intelligenz knapp und proprietär bleibt. Dass es eine Handvoll Frontier-Modelle gibt, dass diese aus dem Silicon Valley kommen, und dass man für jeden verarbeiteten Token zahlt – heute, morgen und in zehn Jahren.

Die Zahlen, die darauf aufbauen, sind beachtlich. Allein Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta planen für 2026 zusammen Investitionen jenseits der 700 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren und Chips. Finanziert wird das in einem Geflecht, das Beobachterinnen und Beobachter inzwischen offen „Zirkulargeschäfte“ nennen: Nvidia investiert bis zu 100 Milliarden Dollar in OpenAI, OpenAI bestückt seine Rechenzentren mit Nvidia-Chips und auf dem Papier wächst alles. Es ist ein geschlossener Kreislauf, in dem dieselben Dollars mehrfach als Wachstum verbucht werden.

Genau diese System gerät derzeit an zwei Stellen gleichzeitig ins Wanken.

Erstens: China hat verstanden, dass man das Beiwerk verschenkt

2002 schrieb der Software-Unternehmer Joel Spolsky einen Satz, der heute aktueller ist denn je: Mache das Produkt, das neben deinem eigenen steht, billig oder kostenlos – dann wandert die Marge zu dir. Hardwarehersteller schätzen kostenlose Software. Wer Rechenzentren verkaufen will, hat ein Interesse daran, dass Modelle gratis sind.

China hat diese Logik auf die Geopolitik der KI übertragen. Während die US-Labore ihre besten Modelle hinter Bezahlschranken halten, geben die chinesischen sie weg. Alibabas Qwen wurde über 300 Millionen Mal heruntergeladen. DeepSeek hat mit seiner neuen Generation den Preiskampf ein weiteres Mal angeheizt. Nach Auswertungen, die in der zweiten Jahreshälfte 2025 die Runde machten, stammt inzwischen ein erheblicher Teil der weltweiten Open-Source-Nutzung aus China; eine US-Beratungskommission warnte offen, die offene Dominanz Pekings bedrohe den amerikanischen Vorsprung. Die Leistungslücke zwischen offenen und geschlossenen Modellen ist laut dem AI-Index der Universität Stanford binnen eines Jahres auf einigen Benchmarks von acht auf unter zwei Prozent geschrumpft.

Man sollte das nicht als Wohltätigkeit missverstehen. Wer ein Frontier-Modell für wenige Millionen Dollar trainieren und anschliessend verschenken kann, zerstört nicht die eigene Industrie, sondern das Geschäftsmodell der Gegenseite. Für die USA ist KI ein Produkt, das Margen abwerfen muss. Für China ist sie Infrastruktur, so wie Strassen, Stromnetze und Häfen Infrastruktur sind: etwas, das man möglichst breit und günstig verfügbar macht, damit darauf eine ganze Volkswirtschaft wächst. Das ist weniger Streit über Technologie, statt Wirtschaftskrieg, geführt mit dem schärfsten Werkzeug, das es dafür gibt – dem kostenlosen Produkt.

Zweitens: Der Token wird teurer, gerade während die Alternative reift

Lange lautete die Erzählung, Inferenz (die Produktion von Output) werde immer billiger und für vergleichbare Intelligenz trifft das auch zu; die Kosten sind in drei Jahren deutlich gefallen. Doch parallel geschieht das Gegenteil: Die Spitzenmodelle, die wirklich anspruchsvolle Arbeit leisten, verbrauchen mehr Rechenzeit pro Anfrage und die Anbieter:innen stehen unter wachsendem Druck, endlich profitabel zu werden. Wer einmal ernsthaft mit Token-basierten Kosten kalkuliert hat, kennt das Gefühl, bei jeder Anfrage innerlich mitzuzählen.

Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist die Konsequenz einfach: Sobald die Rechnung für das proprietäre Spitzenmodell schmerzt und ein offenes Modell neunzig Prozent der Leistung zu einem Bruchteil der Kosten liefert, beginnt die Abwanderung. Zuerst bei den Preisbewussten, dann in der Breite. Genau diese Verlagerung habe ich in den vergangenen Monaten in Gesprächen mit Gründerinnen und Gründern in London, im Valley und auch in der Schweiz immer häufiger gehört. Niemand wechselt aus Ideologie. Man wechselt, weil die Marge ruft.

Hier schliesst sich der Kreis zu Naomi Klein

Kleins Vorwurf ist nicht nur ein moralischer. Er ist eine Eigentumsfrage mit ökonomischer Sprengkraft. Wenn diese Modelle aus dem gesammelten Wissen, der Kunst und der Sprache der gesamten Menschheit gebaut sind: warum sollte die Wertschöpfung dann ausgerechnet bei den wenigen Unternehmen landen, die zufällig über die Rechenleistung verfügten, um dieses Material einzusaugen?

Du musst Kleins Politik nicht teilen, um zu erkennen, dass dieses Argument die Bewertungen gefährdet. Denn es liefert die intellektuelle Rechtfertigung für genau das, was China aus strategischem Eigeninteresse ohnehin tut: diese Modelle als Gemeingut zu behandeln. Sollte sich die Überzeugung durchsetzen, dass ein auf dem Erbe der Menschheit trainiertes System der Menschheit gehört – als offene Infrastruktur, nicht als Mautstrasse –, dann verschiebt sich der gesellschaftliche Konsens in genau die Richtung, in die der ökonomische Druck und die geopolitische Strategie ohnehin weisen.

Drei Kräfte, die in dieselbe Richtung wirken: eine Konkurrenz, die das Produkt verschenkt; ein Preisdruck, der die Kundschaft zur Abwanderung bewegt; und eine moralische Erzählung, die das Verschenken legitimiert. Wenn sich mit Frontier-Modellen kein aussergewöhnliches Geld mehr verdienen lässt, weil das Gegenteil – offen und nahezu gratis – „gut genug“ und obendrein gesellschaftlich anschlussfähig ist, dann lassen sich Bewertungen, die auf ewiger Knappheit beruhen, nicht mehr halten. Eine Korrektur an den Börsen wäre dann keine Panik, sondern eine Preisberichtigung.

Was das für dich konkret bedeutet – als Unternehmerin, Unternehmer oder Gründungsteam

Ich schreibe das nicht als Untergangsprophetin. Ich gehöre zu den Menschen, die diese Werkzeuge täglich nutzen und ihre verändernde Kraft für real halten. Gerade deshalb plädiere ich für eine nüchterne Trennung zwischen Technologie und Aktienkurs. Die KI verschwindet nicht, wenn die Blase korrigiert. So wenig wie das Internet im Jahr 2001 verschwand.

Daraus folgt für die Praxis dreierlei. Erstens: Wenn du heute ein Unternehmen aufbaust oder AI-Projekte leitest, such den Wert nicht im Modell, sondern in dem, was das Modell nicht mitbringt – eigene Daten, Kundenzugang, Vertrauen, regulatorische Tiefe, einen funktionierenden Vertrieb. Das Modell wird zur Commodity. Die Beziehung zur Kundschaft bleibt unique. Zweitens: Bau keine Architektur, die ausschliesslich mit einem einzigen Anbieter funktioniert. Die Fähigkeit, zwischen proprietären und offenen Modellen zu wechseln, ist 2026 keine technische Spielerei mehr, sondern eine betriebswirtschaftliche Absicherung. Drittens: Prüfe dein eigenes Risiko ehrlich. Als Anwenderin oder Anwender, die oder der von einem Anbieter abhängt, ebenso wie als Investorin oder Investor, falls ein erheblicher Teil deines Portfolios indirekt auf der Knappheitsannahme basiert.

Als Mitglied des digitalen Beirats des Bundesrats sehe ich zudem eine staatspolitische Dimension, die wir in Europa und in der Schweiz unterschätzen. Wenn die grundlegende Intelligenzschicht entweder einem US-Oligopol oder dem chinesischen Staat gehört, wird „digitale Souveränität“ zur Standortfrage. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit offenen, gemeinwohlorientierten Modellen ist deshalb keine naive Idealistik, sondern Industriepolitik.

Die eigentliche Frage des KI-Zeitalters lautet also nicht, ob die Maschinen klug genug werden. Sie sind es längst. Die Frage lautet, wem die Modelle gehören, die gerade die Wirtschaft umbauen – und ob ein Geschäftsmodell Bestand haben kann, das darauf wettet, dass das geteilte Erbe der Menschheit für immer eine private Mautstrasse bleibt.

Ich habe daran Zweifel. Und ich vermute, die Märkte werden sie früher teilen, als ihnen lieb ist.

Transparenzhinweis: Geschrieben in Kooperation mit Claude. Ein Text über die Frage, wem die Modelle gehören, wäre schliesslich unvollständig, wenn nicht eines davon mitgeschrieben hätte. Die Meinung ist trotzdem ganz meine. Der Rest ist Verhandlungssache.

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