Die heimliche Revolte gegen die KI-Strategie
Knapp ein Drittel der Angestellten umgeht die KI-Strategie des eigenen Arbeitgebers. Ich finde das eine ziemlich gute Nachricht.
Klingt verrückt? Die Lizenzen sind gekauft, die Schulung ist absolviert, die Strategie hängt als Poster im Kaffeeraum. Und trotzdem gehen viele ihren eigenen Weg. Wer genau hinschaut, entdeckt darin nicht nur ein Problem, sondern das ehrlichste Feedback, das ein Unternehmen gerade bekommen kann.
Der KI-Anbieter Writer hat zusammen mit dem Forschungsinstitut Workplace Intelligence um den Jahreswechsel rund 2'400 Wissensarbeitende befragt, je zur Hälfte Kader und Angestellte, in den USA, Grossbritannien und mehreren europäischen Ländern. 29 Prozent der Angestellten geben zu, die KI-Strategie ihres Arbeitgebers zu sabotieren. Bei der Generation Z sind es 44 Prozent. Gemeint ist kein Sprengstoff im Serverraum, sondern Alltägliches: Richtlinien ignorieren, Schulungen schwänzen, die offiziellen Tools links liegen lassen und stattdessen heimlich die eigenen nutzen.
Man sollte bei einer Studie eines KI-Anbieters immer kurz die Augenbraue heben. Aber zwei weitere Zahlen aus derselben Befragung finde ich mindestens so aufschlussreich:
60 Prozent der befragten Führungskräfte planen, Mitarbeitende zu entlassen, die KI nicht nutzen können oder wollen. Und drei von vier sagen, die KI-Strategie ihres Unternehmens sei eher Show als echte Orientierung.
Lest diese beiden Zahlen einmal nebeneinander. Auf der einen Seite eine Strategie, an die nicht einmal die Chefetage so richtig glaubt. Auf der anderen Seite eine Drohung. Wer so führt, darf sich über Widerstand nicht wundern.
Und in der Schweiz?
Wir sind keine Insel, auch wenn wir es gern wären. PwC hat im Frühsommer rund tausend Erwerbstätige in der Schweiz befragt. 28 Prozent nutzen generative KI täglich, mehr als im globalen Schnitt. Das ist eine gute Nachricht. Die weniger gute: Nur 19 Prozent wissen genau, welche Fähigkeiten künftig gefragt sind.
Noch deutlicher wird es bei Accenture. In einer Befragung, über die cash.ch berichtet hat, halten 94 Prozent der Schweizer Führungskräfte die KI-Grundausbildung ihrer Leute für ausreichend. Bei den Mitarbeitenden sehen das gerade einmal 27 Prozent so. Nur gut ein Viertel sagt, die Geschäftsleitung habe klar erklärt, was KI für Rollen, Aufgaben und Fähigkeiten bedeutet.
Da sitzen also zwei Gruppen im selben Gebäude und erleben zwei völlig verschiedene Transformationen. Oben die Folien. Unten die Fragezeichen.
Sabotage als Frühwarnsystem
Aus meinem Jurastudium ist mir ein Gedanke hängen geblieben, der hier erstaunlich gut passt: Eine Regel, die niemand versteht und niemand für fair hält, wird umgangen. Nicht aus Bosheit, sondern weil Menschen nun mal Menschen sind.
Genau so lese ich die Zahlen. Wer heimlich das eigene Tool nutzt statt des offiziellen, sagt uns: Das offizielle hilft mir bei meiner Arbeit nicht. Wer die Schulung schwänzt, sagt: Diese Schulung hat mit meinem Alltag nichts zu tun. Und wer sich ganz verweigert, sagt oft etwas sehr Leises: Ich habe Angst, dass ich mich gerade selbst wegrationalisiere.
Das ist echtes, vielleicht unangenehmes Feedback für Team Leads und Manager:innen. Aber es ist ehrlich. Die Frage ist nur, ob wir zuhören oder sanktionieren.
Was stattdessen hilft
Ich habe in den letzten drei Jahren mit sehr vielen Professionals gearbeitet, die von «AI what?» zu «Ich will nicht mehr ohne» gekommen sind. Der Wendepunkt war fast nie ein Tool und fast nie eine Folie. Es war der Moment, in dem jemand mit einer eigenen, echten Aufgabe experimentieren durfte. Und dabei auch einmal danebenliegen durfte.
Das deckt sich mit einer Studie von Harvard Business Publishing aus dem letzten Jahr:
Wer heute sicher mit KI arbeitet, hat das doppelt so häufig durch Ausprobieren gelernt wie alle anderen. Nicht durch Theorie.
Für Unternehmen heisst das aus meiner Sicht dreierlei.
Erstens: Experimentieren ist Arbeitszeit. Gemeint ist bezahlte Zeit im Alltag, mit echten Aufgaben und echter Erlaubnis zum Scheitern. Ein Kurs nach Feierabend ersetzt das nicht.
Zweitens: Ehrlich sagen, was sich verändert. Welche Aufgaben wandern zur Maschine, welche bleiben beim Menschen, wo entstehen neue? Die Leute halten erstaunlich viel Wahrheit aus. Was sie schlecht aushalten, ist Nebel.
Drittens: Die Skeptikerinnen einladen, statt sie auszusortieren. Wer genau weiss, warum ein Tool im Alltag nicht funktioniert, ist für eine KI-Einführung Gold wert. Diese Leute kennen die Stolpersteine, die in keinem Strategiepapier stehen.
Und für uns als Professionals?
Auch wenn euer Unternehmen gerade nicht alles richtig macht: Abwarten ist keine Strategie. Fangt mit einer einzigen Aufgabe an, die euch nervt und probiert aus, was KI daraus macht. Seid kritisch, prüft die Ergebnisse, lacht über die Fehler. Genau dieses Urteilsvermögen wird euch in Zukunft auszeichnen.
Zukunftsangst und Zukunftslust liegen näher beieinander, als man denkt. Oft trennt sie nur ein einziger gelungener Versuch.
PS: Diesen Text habe ich zusammen mit Claude geschrieben. Ganz offiziell, mit Genehmigung und ohne heimliches Tool. Die Ideen und das letzte Wort waren meine, die vielen Vorschläge seine. Sabotiert wurde diesmal nichts. Glaube ich ;)
Wer tiefer einsteigen und nachlesen möchte:
- Writer / Workplace Intelligence, Enterprise AI Adoption Survey 2026 (29 %, 44 % Gen Z, 60 % Entlassungspläne, 75 % «eher Show»): writer.com Bericht dazu in Fast Company, 14.04.2026: fastcompany.com
- PwC Schweiz, Hopes and Fears 2026 (28 % tägliche Nutzung, 19 % wissen, welche Fähigkeiten gefragt sind): pwc.ch
- Accenture «Pulse of Change» (94 % zu 27 %, gut ein Viertel fühlt sich klar informiert), Bericht von cash.ch: cash.ch
- Harvard Business Publishing und Degreed, «Gen AI Fluency at Work» (doppelt so häufig durch Ausprobieren gelernt): harvardbusiness.org